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KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (27) © 2009, Sonja Hubmann

Ernesto klopfte seinem Freund Matías auf die Schulter und blinzelte zeitgleich Katharina zu: „Na? Haben euch meine Eltern schon die wichtigsten Schauergeschichten über mich erzählt?“ Katharina schüttelte lächelnd den Kopf: „Nein, sie haben uns nur von der Mate-Plantage erzählt und dass ihr von dort weggezogen seid.“ Ernesto bestätigte diese Tatsache mit einem kurzen Nicken und setzte sich lässig auf einen im Raum befindlichen Holztisch, an dem bereits Natalia lehnte. Sichtlich erfreut über diese unerwartete Annäherung strahlte das dunkelhaarige Mädchen ihren Schwarm an.  Da es ihr in Ernestos Gegenwart aber offenbar die Sprache verschlagen hatte, erkundigte sich Katharina weiter: „Und seit wann lebst Du hier in Córdoba?“ Ernesto glitt zu Natalias Enttäuschung wieder vom Tisch herunter und überlegte halblaut: „Also, im März 1942 begann ich hier im ‚Déan Fu‘ zu studieren …“ Mit Déan Fu‘ meinte er wohl seine Schule, das Colegio Nacional Déan Funes. Matías erinnerte sich mitfühlend: „Du

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (26) © 2009, Sonja Hubmann

„Wofür interessierst Du Dich?“, wollte er nun von Natalia wissen. Die hübsche 15jährige räusperte sich verlegen und starrte unschlüssig auf die riesige Bibliothek, bis sie einfach wahllos ein Themengebiet nannte: „Poesie. Ich mag Gedichte!“, gestand Natalia. Ihr Angebeteter strich sich lässig über sein pechschwarzes Haar und trat dicht an Natalia heran. Theatralisch nahm er ihre zarte Hand und begann mit seinem Vortrag: „Para mi corazón basta tu pecho, para tu libertad bastan mis alas …“.  Den Rest dieses Gedicht rezitierte er mit warmherziger Stimme, setzte allerdings immer wieder kantige Akzente, die seinen Vortrag noch fesselnder machten, zumindest für Natalia, die gebannt an seinen wohlgeformten Lippen hing. Auch Matías lauschte den Worten seines Schulkameraden und fixierte diesen mit seinen tiefblauen Augen. Einzig und alleine Katharina ließ sich von der weiteren Inspektion des Bücherregals nicht ablenken.  Während Ernesto sein Herzblut in das wortgewaltige Gedicht legte, versuc

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (25) © 2009, Sonja Hubmann

  Gerade, als die Unterhaltung noch politischer zu werden drohte, kam Roberto mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Zimmer gerannt: „Autsch, ich hab‘ mir den Finger verstaucht. Ernesto hat viel zu scharf geschossen.“, beklagte er sich bei seiner Mutter, die sich jedoch nicht besonders besorgt zeigte. „Zeig mal her“, forderte sie ihren Sohn auf und begutachtete seinen etwas angeschwollenen Mittelfinger. Nach eingehender Prüfung riet sie ihm emotionslos: „Halte ihn unters kalte Wasser.“ In diesem Augenblick erschien auch Ernesto im Raum und grinste provokant: „Er hat gesagt, ich soll schärfer schießen. Genau das habe ich getan. Er muss wohl noch lernen Schmerzen zu ertragen.“  Sein mitleidloser Blick erregte jedoch Frau Ferrers Gemüt: „Aber Du kannst doch nicht alle an Deiner eigenen Schmerzunempfindlichkeit messen.“, rügte sie ihn mit gebotener Zurückhaltung. Ernesto Senior schwang theatralisch seinen rechten Arm in die Luft, gestikulierte wie ein großer Feldherr und verlautbarte mit stolzg

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (24) © 2009, Sonja Hubmann

  Eine kurze Stille hatte sich im Raum breitgemacht. Man hörte lediglich die enthusiastischen Zurufe der beiden Rugby-Spieler, die sich im fliesenbedeckten Innenhof lautstark das Rugby-Ei zuwarfen. Matías, den die Lebensgeschichte der Guevaras sichtlich interessierte, erkundigte sich weiter: „Und warum sind Sie aus Misiones weggezogen?“ Ernesto Senior seufzte schwermütig: „Aus zwei Gründen: Ernestos Asthma und meine Werft in Río de la Plata, die nicht mehr so gut ging, weil damals mein Teilhaber aus dem Unternehmen ausgestiegen ist. Wir sind daher Ende 1929 nach Buenos Aires gefahren.“ „Erinnere mich bloß nicht daran“, jammerte Celia kopfschüttelnd, „diese vier Stunden flussaufwärts waren damals grauenvoll.“  „Wieso denn das?“, forschte Katharina mit neugierigem Blick. Celia überließ großzügig ihrem Mann die weiterführende Erzählung: „Ich muss sagen, dass meine Frau damals schon mit unserer Tochter schwanger war. Das hat die Sache nicht gerade einfacher gemacht. Wir wollten mit unse

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (23) © 2009, Sonja Hubmann

  Diesen kurzen Moment der Unachtsamkeit, hatte Celia aber genutzt, um dem sympathischen Mädchen eine weitere Tasse Tee einzuschenken. „Nein, ich …“, wollte Katharina diese freundliche Geste noch höflich abwehren, aber zu spät. Die gelblich-grüne Flüssigkeit war bereits unaufhaltsam in das Gefäß geronnen. Matías, der das innere Dilemma der Mate-Tee-Verweigerin mitbekommen hatte, lächelte ein wenig schadenfroh, entschärfte seine Reaktion dann aber durch ein mitleidiges Augenzwinkern.  Katharina versuchte immer noch alle Widrigkeiten wie Mate-Tee und Zigarrenrauch zu ignorieren und formulierte eine weitere Frage: „Wenn das Haus direkt an einem Fluss war, gab es da nicht manchmal Hochwasser?“ Ernesto Senior rief die gewünschte Information aus seinem Gedächtnis ab: „Nun ja, unser Haus lag auf einer kleinen Anhöhe, aber etwas unterhalb war der Paraná an die 600 Meter breit.“ Während Katharina versuchte, sich diese Distanz vorzustellen, warf Celia begeistert ein: „Dafür konnte man dort aber

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (22) © 2009, Sonja Hubmann

  An Natalia ging die Insektengeschichte jedoch spurlos vorüber, da sie nur Augen für Ernesto hatte, den sie immer wieder in kleine Gespräche verwickelte. Seine Schwester Celia war ihr dabei jedoch keine besonders große Hilfe, bis zu dem Moment als auch sie von den Schilderungen ihres Vaters genug hatte: „Soll ich euch unser Haus zeigen?“, offerierte sie Natalia und Katharina schließlich spontan. Natalia erhob sich interessiert und erkundigte sich beiläufig bei Ernesto: „Kommst Du mit?“ Der angesprochene Junge schob etwas unschlüssig das Unterkiefer nach vorne und murmelte ein „ja“. Gerade jedoch, als auch Katharina aufstehen wollte, entschied sich Matías unerwarteter Weise dagegen: „Ich bleibe hier. Ich will diese Dschungel-Geschichte noch zu Ende hören.“ Katharina verwarf ihren Plan an der Hausführung teilzunehmen in der Sekunde und setzte sich wie auf einen stummen Befehl wieder nieder. Etwas unglaubwürdig murmelte sie an Natalia gewandt: „Ich will die Geschichte auch noch zu Ende h

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (21) © 2009, Sonja Hubmann

  Aufgrund des wissenden Lächelns aller am Tisch versammelten Personen, war für Katharina klar, dass sie als einzige keinen blassen Schimmer vom Vorleben der Guevaras hatte. Celia begann schließlich offenherzig von der Mate-Tee-Plantage, die sie gemeinsam mit ihrem Mann in der Provinz Misiones angelegt hatte, zu erzählen: „Unser kleines Paradies lag zwischen Brasilien und Paraguay, zwischen den Flüssen Paraná und dem Uruguay.“ Ernesto Senior übernahm sofort schwärmerisch das Wort und schilderte die Schönheit dieser Gegend, angefangen vom subtropischen Klima, über den dichten Urwald mit seiner unvergleichlichen Flora und Fauna, bis hin zu den wasserreichen Flüssen, die sich rauschend und plätschernd ihren Weg nach Osten bahnten. Herr Ferrer kniff kurz die Augen zusammen und überlegte: „Hm, war nicht auch der französische Gelehrte Bonpland in diesem Landstrich unterwegs?“  „Ja, er war ebenso fasziniert von dieser naturbelassenen Pracht wie Alexander von Humboldt.“, ergänzte Herr Guevara