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KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (9) © 2009, Sonja Hubmann

Einige Meter weiter lachte ihr jedoch das Glück in Form eines Emmentaler- und Salami-Verkäufers. Ein älterer Herr hatte seiner Enkelin kurz zuvor zugerufen: „Schau, der Salamutschi-Mann ist dort drüben!“ Jener gut gebaute Südländer schien Katharinas inneres Dilemma jedoch telepatisch erfasst zu haben. Er reichte ihr großzügig eine Scheibe Salami, die mit einem Stück Käse belegt war und schmunzelte: „Per Lei, Signorina! Eine kleine Kostprobe!“  Katharina bedankte sich freudestrahlend für die Essensgabe und lobte seine Ware: „Mmh, das schmeckt ganz vorzüglich!“ Nach angestrengtem Nachdenken fiel ihr sogar noch der italienische Begriff für „köstlich“ ein und sie schickte flugs ein dankbares „buonissimo“ hinterher, ehe sie sich mit einem Knicks verabschiedete und ihren Weg zum Stephansdom fortsetzte.  Doch gerade, als sie ihrer spontanen Eingebung folgen wollte, war sie drauf und dran das Opfer eines neuerlichen Anschlags zu werden. Diesmal war es einer der vielen Radfahrer, der plötzlich

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (8) © 2009, Sonja Hubmann

  Sie wanderte auf dem rechten Trottoire, von wo aus sie einen besseren Blick auf den Josefsbrunnen hatte, dessen Wasserfontänen angenehm dahinplätscherten. Schon wieder entdeckte sie eine Schneiderei, diesmal war es der „Tailor Heinrich Grünbaum“. Katharina ging an der ihr wohlbekannten Pestsäule vorüber und beäugte wohlwollend den in der Nähe befindlichen Leopoldsbrunnen. Den gleichmäßigen Hufschlag der kutschenziehenden Pferde, die unentwegt neben ihr hertrabten, ignorierte sie allerdings geflissentlich. Am Graben 7 bewunderte sie zwei attraktive Damen, die sich vor dem Parfümeriegeschäft Baumann für die angebotenen Waren begeisterten.  Eine der beiden teuer gekleideten Ladies deutete auf das obere Stockwerk und rief gut hörbar: „Nein, Theresia, zuerst lassen wir uns beim Paul Szekely die Haare machen, dann kaufen wir uns beim Stern etwas Hübsches und das passende Parfum besorgen wir uns als i-Tüpfelchen!“ Ihre mindestens genauso hübsche Begleiterin zeigte sich mit dem Vorschlag dur

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (7) © 2009, Sonja Hubmann

Ihr Blick wanderte nach rechts in die Naglergasse. An der Ecke fiel ihr ein wunderschönes Gebäude auf, das zu ebener Erde symbolisch von zwei weiblichen Statuen gehalten wurde. Dazwischen befand sich prominent das „Tailors Outfitters“. Hierbei konnte es sich wohl nur um eine Schneiderei handeln. An der Seitenfassade prangte ein schwarz-goldenes Schild mit der Aufschrift „Goldman & Salatsch“. Katharina ließ ihren Blick an dem Gebäude etwas höher wandern, bis ihre dunklen Augen plötzlich eine Fensterwerbung für „Uniformen für das „k. & k. Yacht Geschwader“ erspähten. Yacht-Geschwader? Sie hielt kurz inne und überlegte, ob sie jemals von einer Österreichischen Seemacht gehört hatte. – Nein, nicht wirklich.  Sie sah auf das gegenüberliegende Objekt, in dem ein Gold- und Silberjuwelier seine kostbaren Waren im Schaufenster anbot. Ein Stück darüber, so auf Höhe des dritten Stockwerks, machte schon wieder eine Reklametafel auf sich aufmerksam. Darauf abgebildet war eine schwarze Schre

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (6) © 2009, Sonja Hubmann

Katharina schenkte dem Eingang des imposanten Gebäudes mit der Aufschrift „Franciscus Iosephus I.“ einen interessierten Blick. Die darunter befindlichen römischen Zahlen standen wohl für das Jahr der Erbauung. Sie versuchte aus den Buchstaben MDCCCXCIII eine Jahreszahl herauszulesen. Dabei konnte es sich nur um das Jahr 1893 handeln. Ihr Blick glitt an dem Gebäude hinab und blieb nun an vier dominanten Statuen hängen, die in geringen Abständen den Eingang zu bewachen schienen. Rechts und links davon befanden sich zwei weitere, noch eindrucksvollere Skulpturengruppen, die zu beiden Seiten der Fassade in einem Rundbogen standen. Die von ihr aus gesehene rechte war „Die Macht zu Land“ und die andere musste dann wohl „Die Macht zur See“ sein. Mit großen Augen bewunderte sie diese bildhauerische Meisterleistung.  Katharina war sicher, dass sie von zu Hause gekommen war und sich mit jemandem treffen wollte. Aber mit wem? Und vor allem wo? Als sie tief Luft holen wollte, stockte ihr plötzlich

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (5) © 2009, Sonja Hubmann

  Erst, als sie vor diesem stand, merkte sie, dass es Tag war, wenngleich ein sehr kühler Tag. Es musste wohl schon Herbst sein. Ein neugieriger Blick auf die Fassade des Kaffeehauses, in dem sie sich soeben befunden hatte, verriet ihr, dass es sich dabei um das „Café Central“ gehandelt hatte. Hm, der Name war ihr auf jeden Fall ein Begriff. Aber was hatte sie da drinnen nur gewollt, so ganz Mutterseelen alleine? Irgendwie schien ihr die Umgebung ungewohnt fremd und doch wieder eigenartig vertraut. Vielleicht hatte wollte sie sich mit jemandem treffen? Oder sie hatte sich bereits mit jemandem in dem Kaffeehaus getroffen?  Katharina wanderte in ihrem langen, dunkelblauen Kleid, das für ihr Empfinden fast etwas unangenehm eng an ihrem Körper haftete, über den Michaelerplatz. Hatte es hier nicht einmal ein weiteres Café gegeben? Auf ihrem Marsch begegneten ihr die verschiedenartigsten Menschen: Stattliche Männer in maßgeschneiderten schwarzen, grauen oder auch dunkelbraunen Anzügen huscht

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (4) © 2009, Sonja Hubmann

  „Peter, hier bin ich!“, rief ihm plötzlich eine Stimme aus der hinteren Ecke des Cafés lautstark zu. Es war jener Herr, dessen Rechtschreibung Katharina gerade zuvor gedanklich bemängelt hatte. Wie hatte er noch geheißen? Kraus? Ja, das war sein Name. Der gewaltig nach Alkohol riechende Neuankömmling schlenderte leicht schwankend auf den Absender dieser Worte zu und murmelte: „Jö, der Karl Kraus, der sitzt aber auch andauernd hier herinnen.“  Neugierig geworden, was dieser unangepasste Typ von dem anderen wollen könnte, spitzte Katharina nun die Ohren und verfolgte den eigenartigen Mann mit ihrem Blick.  „Herr Altenberg“, wurde er nun von einem der Kellner freudig begrüßt, „soll ich Ihnen das gleiche wie immer bringen?“ Der angesprochene Herr Altenberg brummte in seinen dicken Schnauzbart: „Ja, ja, wie immer.“  Ungeachtet des Mannes, der kurz zuvor am Tisch des Schriftstellers namens Kraus Platz genommen hatte, kramte Herr Altenberg ein paar leere Blätter aus seinem Mantel hervor, di

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (3) © 2009, Sonja Hubmann

Durch den gewölbten, mehrstöckigen Innenraum fiel das Tageslicht von oben herab in eine Art Innenhof und erhellte den gespenstisch wirkenden Raum. Blauer Zigarrendunst bahnte sich seinen Weg durch die stickige Luft und schrilles Frauengelächter übertönte das monotone Stimmengwirr der anwesenden Männer. Doch noch ehe Katharina die Besucher dieses Kaffeehauses genauer betrachten konnte, neigte sich auf einmal ein junger Mann zu ihr hinunter und hob etwas auf, das neben ihrem linken Fuß gelandet war. „Verzeihung, Mademoiselle, aber ich glaube, Ihnen ist die Serviette zu Boden gefallen.“, lächelte der galante Bursche hilfsbereit, während er sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht strich und schließlich das weiße Stofftuch aufhob. Katharina starrte ihn entsetzt und etwas verwirrt an. Kannte sie diesen Mann? Wie hieß dieses Kaffeehaus und weshalb saß sie hier an diesem Tisch? War sie gerade gekommen oder wollte sie schon gehen? Hatte sie überhaupt etwas bestellt? Hatte sie etwas gegesse