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KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (6) © 2009, Sonja Hubmann

„Madame Schwarz“, hob der genervte Lehrer zu einem süffisanten Tadel an, „sind wir schon wieder müde? Wenn Sie mein Unterricht so langweilt, dann werden Sie gleich Gelegenheit haben, mit Ihrem Wissen zu glänzen.“ Katharina zuckte zusammen. Mit Wissen glänzen? War das etwa die Androhung einer auf sie zukommenden Frage? Über Che Guevara wusste sie noch weniger als ihre Vorredner. Könnte sie diesem Debakel vielleicht noch irgendwie entgehen? Sie könnte eine plötzliche Übelkeit vortäuschen oder einen Migräneanfall? Nein, besser akute Magenschmerzen! Durchfall? Eine Herzattacke?  Noch aber verharrte der bereits ins Schwitzen geratene Professor bei einer kerzengerade dasitzenden Blondine, die all seinen Ausführungen aufmerksam gelauscht hatte und nach der Nennung des Stichwortes „Granma“ ausführlich zu fabulieren begann: „Granma ist der Name jener Yacht, mit der Castro und Che Guevara mit etwa 80 Leuten nach Kuba aufgebrochen sind",  erläuterte sie selbstbewusste und fuhr mit klarer...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (5) © 2009, Sonja Hubmann

„Also, zum Aufwärmen, Tünde Mayr, was fällt Ihnen zum Stichwort: Schweinebucht ein?“  Im Hintergrund formte ein hagerer Bursche seine Lippen zu einem Schweinerüssel und grunzte ein gut hörbares „oink“. Wie eine Karnevalswelle rollte ein spontanes Gelächter durch das Klassenzimmer. Der Einzige, der dies jedoch nicht lustig fand, war der anzugtragende Sozialkunde-Professor, der den Absender dieses Scherzchens sofort abmahnte: „Herr Unterberger, wenn Sie sich kabarettistisch betätigen wollen, dann bewerben Sie sich bitte im „Kabarett Simpl“. Da fragt Sie bestimmt niemand nach einem positiven Schulabschluss, den Sie vermutlich ohnehin nicht anstreben.“ Obwohl der junge Nachwuchsclown so tat, als ob ihn diese Androhung völlig kalt ließe, senkte er seinen Blick und überließ der gefragten Tünde Mayr die Antwort, die bruchstückhaft ihre Ahnungslosigkeit zusammenfasste: „Nun, das war 1961 … da haben Exilkubaner die Schweinebucht in Kuba angegriffen, aber … ähm … sie waren total in der ...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (4) © 2009, Sonja Hubmann

Mit zehnminütiger Verspätung stolperte nun endlich der schmächtige, aber streng aussehende Lehrer zur Tür herein. Unter den Schülern herrschte plötzlich eine beklemmende Stille. Der kurzsichtige Sozialkunde-Professor rückte seine Brille zurecht und verlor keinerlei Zeit mit Begrüßungen oder Vorworten. Ungeduldig streifte er durch die mittlere Bankreihe und musterte die wissensleeren Augen seiner Schülerinnen und Schüler.  „So“, klatschte er weithin hörbar in die Hände und erweckte damit einen Träumer in der hintersten Reihe aus seiner geistigen Abwesenheit, „worüber haben wir das letzte Mal gesprochen?“ Ein allgemeines, betroffenes Zubodenblicken war die Folge. Jeder tat so, als ob es plötzlich irgendwas Wichtiges am Fußboden oder auf den Bänken zu entdecken gäbe. Schließlich aber fasste sich die rothaarige Küsserin ein Herz und meldete sich kaugummikauend zu Wort: „Che Guevara.“ Der Professor ignorierte großzügig den Kaugummi im Mund der Schülerin und räusperte sich mit gespieltem...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (3) © 2009, Sonja Hubmann

„Die Weiber sind extrem nervig.“, knurrte Nadine den beiden ärgerlich hinterher. Katharina seufzte hingegen schwermütig: „Aber es stimmt doch. Ich bin tatsächlich ständig müde und dass ich schon zwei Mal im Unterricht eingeschlafen bin, ist doch wirklich peinlich.“, beklagte sie ihr Problem. Nadine schüttelte jedoch vehement den Kopf: „Nein“, insistierte sie, „das braucht Dir überhaupt nicht peinlich zu sein, was auch immer die Gründe dafür sein mögen. Das gibt diesen beiden Hühnern aber noch lange nicht das Recht, Dich zu verspotten.“ Katharina nickte notgedrungen und schielte abermals zu dem blonden Jungen der Oberstufe hinüber. Nadine war ihrem Blick gefolgt und schmunzelte nun verschwörerisch: „Hast Du’s vorhin gemerkt?“ Katharina zog die Brauen hoch und gab sich unwissend: „Was gemerkt?“  „Na, Marcel! Als wir vorhin diese Tangoschritte geübt haben, hat er Dich total interessiert angelächelt.“. Katharina hatte dafür jedoch eine andere Erklärung: „Er hat mich nicht angelächelt, ...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (2) © 2009, Sonja Hubmann

Katharina warf einen peinlich berührten Blick auf die umherstehenden Schüler. Da aber niemand von Nadines Tanzeinlage Notiz zu nehmen schien, versuchte sie es nun ebenfalls. Nach anfänglichen Koordinationsschwierigkeiten hatte sie aber bald den Dreh raus. Als Katharina kurz aufblickte, merkte sie jedoch, wie der blonde Junge aus der 7. Klasse zu ihr herüberlächelte. Katharina starrte peinlich berührt zu Boden und versuchte sich aufs Zählen zu konzentrieren.  Gerade, als sie Gefallen an den rhythmischen Bewegungen gefunden hatte, vernahm sie hinter sich eine ihr wohlbekannte Mädchenstimme: „Salsa, wie unangesagt.“, lautete die abfällige Bemerkung. Katharina stellte ihre Tanzübung sofort ein und musterte die Spaßverderberin mit zusammengekniffenen Augen. Nadine lieferte die passenden Worte dazu: „Zieh‘ Leine, Jasmin! Du hast vom Tanzen sowieso nicht die geringste Ahnung. Das ist nämlich Tango und nicht Salsa, klar?“ Die stark geschminkte Schönheit konterte jedoch blitzartig: „Eure sp...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (1) © 2009, Sonja Hubmann

  JETZTZEIT Schulhof, Wien Auf dem asphaltierten Platz vor dem Wiener Bundesrealgymnasium roch es wieder einmal gewaltig nach Schule. Zahlreiche Mädchen und Burschen der Oberstufe hatten sich vor dem kahlen Ziegelgebäude zu kleinen Grüppchen zusammengerottet, um die Zeit vor dem Läuten der unerbittlichen Schulglocke noch sinnvoll zu nutzen. Einige würgten heißhungrig ihr McMenü, bestehend aus Pommes, Burger und Cola hinunter, andere gaben sich angeregten Diskussionen hin, wiederum andere tippten noch rasch ihre Hausaufgaben in ihren Laptop oder standen einfach nur so in der Gegend herum, stets darauf hoffend, der Unterricht würde heute vielleicht durch ein Wunder entfallen. Auch Katharina Schwarz, eine hübsche 15jährige mit langem, kaffeebraunem Haar und runden Mocca-Augen lehnte etwas verloren an einer schmalen Mauer und starrte auf einen um zwei Jahre älteren Jungen. Umringt von seiner Clique aus der siebenten Klasse, scherzte er mit einer langbeinigen Blondine. War dies sein...