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KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (4) © 2009, Sonja Hubmann

  „Peter, hier bin ich!“, rief ihm plötzlich eine Stimme aus der hinteren Ecke des Cafés lautstark zu. Es war jener Herr, dessen Rechtschreibung Katharina gerade zuvor gedanklich bemängelt hatte. Wie hatte er noch geheißen? Kraus? Ja, das war sein Name. Der gewaltig nach Alkohol riechende Neuankömmling schlenderte leicht schwankend auf den Absender dieser Worte zu und murmelte: „Jö, der Karl Kraus, der sitzt aber auch andauernd hier herinnen.“  Neugierig geworden, was dieser unangepasste Typ von dem anderen wollen könnte, spitzte Katharina nun die Ohren und verfolgte den eigenartigen Mann mit ihrem Blick.  „Herr Altenberg“, wurde er nun von einem der Kellner freudig begrüßt, „soll ich Ihnen das gleiche wie immer bringen?“ Der angesprochene Herr Altenberg brummte in seinen dicken Schnauzbart: „Ja, ja, wie immer.“  Ungeachtet des Mannes, der kurz zuvor am Tisch des Schriftstellers namens Kraus Platz genommen hatte, kramte Herr Altenberg ein paar leere Blätter aus seine...

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (3) © 2009, Sonja Hubmann

Durch den gewölbten, mehrstöckigen Innenraum fiel das Tageslicht von oben herab in eine Art Innenhof und erhellte den gespenstisch wirkenden Raum. Blauer Zigarrendunst bahnte sich seinen Weg durch die stickige Luft und schrilles Frauengelächter übertönte das monotone Stimmengwirr der anwesenden Männer. Doch noch ehe Katharina die Besucher dieses Kaffeehauses genauer betrachten konnte, neigte sich auf einmal ein junger Mann zu ihr hinunter und hob etwas auf, das neben ihrem linken Fuß gelandet war. „Verzeihung, Mademoiselle, aber ich glaube, Ihnen ist die Serviette zu Boden gefallen.“, lächelte der galante Bursche hilfsbereit, während er sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht strich und schließlich das weiße Stofftuch aufhob. Katharina starrte ihn entsetzt und etwas verwirrt an. Kannte sie diesen Mann? Wie hieß dieses Kaffeehaus und weshalb saß sie hier an diesem Tisch? War sie gerade gekommen oder wollte sie schon gehen? Hatte sie überhaupt etwas bestellt? Hatte sie etwas gegesse...

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (2) © 2009, Sonja Hubmann

Marcel erklärte sich dann aber doch kurzerhand bereit, dem verzweifelten Quälgeist namens Jasmin zu helfen: „Okay, mal sehen, was mir dazu einfällt. Ist bei mir aber auch schon ein Weilchen her, seitdem ich das gelernt habe.“, entschuldigte er sich schon vorab für etwaige Wissenslücken. Jasmins Reaktion darauf fiel wie immer etwas übertrieben aus. Sie umarmte ihn freudestrahlend und schmachtete: „Oh, danke, danke, danke. Das ist wirklich so lieb von Dir!“ „Lass uns zu einem der Tische dort hinten gehen!“, schlug Marcel mit verhaltenem Lächeln vor und wanderte mit ihr unter dem klatschsüchtigen Getuschel seiner Klassenkameraden in den hinteren Bereich der Kantine.  Katharina warf den beiden einen gedankenverlorenen Blick nach und ärgerte sich immer noch über ihre Schüchternheit.  So, als ob dies noch nicht schlimm genug wäre, watschelte nun auch noch Klara, die Jasmins schauspielerische Leistung aus kurzer Distanz mitverfolgt hatte, an ihr vorüber. Natürlich musste sie dabei di...

KATHARINA SCHLÄFT "Venedig in Wien" (1) © 2009, Sonja Hubmann

Episode 2: „Venedig in Wien“ In der Schulkantine angekommen, entdeckte Katharina tatsächlich ihren um zwei Jahre älteren Schwarm Marcel, der sich angeregt mit jener schlanken Blondine unterhielt, mit der sie ihn schon im Schulhof gesehen hatte. Katharina schenkte ihrer Klassenkameradin Nadine einen enttäuschten Blick und versuchte sich mit einem Automatenkaffee zu trösten. „Geht das nicht ein bisschen schneller?“, wurde sie plötzlich von einer unangenehm klingenden Mädchenstimme zur Eile gemahnt. Auch ohne sich umzudrehen, wusste Katharina wer hinter ihr stand. Es war Jasmin, die gelangweilt an einer Strähne ihres langen, schwarzen Haares herumfingerte.  „Ich hab diesen Automaten nicht erfunden!“, verteidigte sich Katharina nun ähnlich schlecht gelaunt. Es dauerte jedoch nicht lange, bis nun auch noch das zweite Übel herannahte. Die dickwanstige Klara beanspruchte ebenfalls ein Heißgetränk und stupste ihre Busenfreundin Jasmin kurz an: „Hey, drück mir auch einen runter – Kaffee L...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (46) © 2009, Sonja Hubmann

Auch Katharina und Nadine verließen erschöpft von dieser Fragestunde das Klassenzimmer. Nadine staunte immer noch über das plötzliche Wissen ihrer Freundin: „Deine Erzählung war unglaublich, absolut realistisch. Das klang echt, als wärst Du wirklich dort gewesen.“ Katharina nickte leicht benommen und murmelte: „Irgendwie war ich das auch.“ „Heißt was genau?“, forschte Nadine verwundert über diese kryptische Äußerung. Katharina stammelte jedoch geistesabwesend: „Äh, nichts, ich glaube, ich bin nur ein wenig übermüdet. Ich hatte gestern ziemlich starke Kopfschmerzen.“, beklagte sie währenddessen sie sich mit Nadine auf den Gang begab.  Gerade in jenem Moment trotteten Jasmin und Klara des Wegs, die ihre immer müde Klassenkollegin mit einem provokanten Gähnen begrüßten. Jasmin grinste breit: „Uah, bin ich müde.“ Ihr molliger Satellit namens Klara wollte natürlich auch noch eins draufsetzten und spottete: „Ich würde auch so gerne alles im Schlaf lernen!“ Die beiden begannen gackernd ...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (45) © 2009, Sonja Hubmann

Klassenzimmer, Córdoba (Argentinien) Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig, vor dem Lehrer ins Klassenzimmer zu huschen. Ihrer Sitznachbarin Natalia flüsterte sie aufgeregt ins Ohr: „Ich muss Dir nachher unbedingt etwas erzählen.“ Ihre Freundin strahlte mitteilungsbedürftig zurück: „Ich Dir auch! Du glaubst nicht, was gestern noch alles passiert ist.“, machte sie Katharina den Mund wässrig. Den Klassenlehrer interessierte im Augenblick aber etwas ganz anderes. Sein strenger Blick fiel auf Katharina: „So, Catalina, was fällt Dir zum 9. Juli 1816 ein.“  Die ahnungslosen Augen des Mädchens weiteten sich erschrocken. 1816? Was war denn das für ein Datum? Im Hintergrund hörte sie, wie ihr jemand zuraunte: „Unabhängigkeit.“ Sie versuchte sich angestrengt auf die Beantwortung der Frage zu konzentrieren, aber eine plötzlich aufkommende Müdigkeit machte ihr dies unmöglich. Ihre Finger wurden immer kälter und sie hatte das Gefühl, als ob ihr ganzer Körper an Wärme verlieren würde. Ihre...

KATHARINA SCHLÄFT "El Che" (44) © 2009, Sonja Hubmann

Calle Obispo Salguero, bei Katharina zu Hause, Córdoba (Argentinien) Die beiden setzten ihren Weg zu Katharinas Wohnort fort. Als sie endlich in der Calle Obispo Salguero angekommen waren, reichte ihr Matías warmherzig die Hand und flüsterte mit belegter Stimme: „Danke für den netten Abend.“ Trotz ihrer immer noch vorhandenen Kopfschmerzen konnte sie ihren Blick kaum von dem attraktiven Gesicht ihres Begleiters abwenden. Seine kobaltblauen Augen waren dermaßen hypnotisch, dass sie es nicht schaffte, irgendwo anders hinzusehen. Mit klopfendem Herzen und stockendem Atem erwiderte sie mit etwas gebrochener Stimme seinen Gruß: „Gute Nacht.“, hauchte sie und verspürte plötzlich einen zärtlichen Kuss auf ihrer Wange.  Noch ehe sie darauf reagieren konnte, hatte ihr Matías schon den Rücken zugedreht und entschwand langsam ihrem sehnsüchtigen Blick. Katharina stand aber immer noch wie angewurzelt da und starrte ihm nach. Hatte er sie jetzt tatsächlich geküsst? Ja, hatte er, zwar nur auf...